Klinik für Wirbelsäulenchirurgie, Neurochirurgie und Spezielle Orthopädie -
Sektion Wirbelsäulendeformitäten

Sektionsleiter

N.N.
Sehr geehrte Patientinnen und Patienten, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

herzlich willkommen in unserer Sektion für Wirbelsäulendeformitäten!

Die Diagnose einer Wirbelsäulendeformität wirft oft viele Fragen auf und kann im ersten Moment verunsichern. Mit diesem Leitfaden möchten wir Ihnen helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und Ihnen aufzeigen, dass wir heute über hervorragende, individuelle Behandlungsmöglichkeiten verfügen. 
Wir beraten Sie sehr gern!
Die menschliche Wirbelsäule ist ein architektonisches Meisterwerk. Sie hält uns aufrecht, schützt das empfindliche Rückenmark und ermöglicht uns gleichzeitig, uns zu beugen und zu drehen.

Betrachtet man eine gesunde Wirbelsäule von hinten, bildet sie eine gerade Linie vom Nacken bis zum Becken. Betrachtet man sie von der Seite, erkennt man eine natürliche, weiche Doppel-S-Form:
  • Halswirbelsäule (HWS): Leichte Krümmung nach vorne (Lordose).
  • Brustwirbelsäule (BWS): Leichte Krümmung nach hinten (Kyphose).
  • Lendenwirbelsäule (LWS): Leichte Krümmung nach vorne (Lordose).
Diese natürlichen Kurven wirken wie eine Feder. Sie dämpfen Stöße beim Gehen oder Springen ab und verteilen das Gewicht unseres Kopfes und Rumpfes gleichmäßig.
Von einer Deformität spricht man, wenn die Wirbelsäule von ihrer natürlichen Form und Ausrichtung abweicht. Die Krümmungen können dann zu stark ausgeprägt sein oder in eine Richtung verlaufen, die von Natur aus nicht vorgesehen ist (z. B. zur Seite).

Die drei häufigsten Formen

A. Skoliose (Seitverbiegung)
Bei einer Skoliose weicht die Wirbelsäule zur Seite ab. Meist ist dies nicht nur eine einfache Biegung (wie ein "C" oder "S"), sondern die einzelnen Wirbelkörper verdrehen sich zusätzlich um ihre eigene Achse. Dies führt oft dazu, dass sich auf einer Seite des Rückens die Rippen anheben (ein sogenannter Rippenbuckel entsteht) oder die Lendenmuskulatur stärker hervortritt (Lendenwulst). Skoliose tritt sehr häufig während kindlicher und jugendlicher Wachstumsphasen auf, kann aber auch im Alter durch Verschleiß entstehen.

B. Hyperkyphose (Rundrücken oder "Buckel")
Hierbei ist die natürliche Biegung der Brustwirbelsäule nach hinten unnatürlich stark ausgeprägt. Umgangssprachlich wird dies oft als Rundrücken bezeichnet. Bei Jugendlichen ist eine häufige Ursache der Morbus Scheuermann (eine Wachstumsstörung der Wirbelkörper). Bei älteren Menschen kann Osteoporose (Knochenschwund) dazu führen, dass Wirbelkörper in sich zusammensacken und sich der Rücken stark rundet.

C. Hyperlordose (Hohlkreuz)
Bei der Hyperlordose ist die natürliche Krümmung der Lendenwirbelsäule nach vorne extrem verstärkt. Das Becken kippt stark nach vorne, und der Bauch wölbt sich heraus. Oft ist dies die Folge von muskulären Dysbalancen (verkürzte Hüftbeuger, schwache Bauchmuskulatur) oder dient als Ausgleich für eine Kyphose in der Brustwirbelsäule.
Die Ursachen sind vielfältig und werden von Ärzten in verschiedene Kategorien eingeteilt:

Idiopathisch (Ursache unbekannt): Etwa 80 % aller Skoliosen fallen in diese Kategorie. Sie entstehen meist im Jugendalter, ohne dass eine andere Grunderkrankung vorliegt. Man geht heute von einer starken genetischen Komponente aus.
Degenerativ (Verschleißbedingt): Tritt im Erwachsenen- und Seniorenalter auf. Durch den asymmetrischen Verschleiß von Bandscheiben und Wirbelgelenken sackt die Wirbelsäule in sich zusammen und verbiegt sich.
Kongenital (Angeboren): Hierbei haben sich die Wirbelkörper bereits im Mutterleib nicht richtig geformt (z. B. Halbwirbel), was beim Wachsen des Kindes zu einer schiefen Wirbelsäule führt.
Neuromuskulär: Wenn Muskel- oder Nervenerkrankungen (wie Zerebralparese oder Muskeldystrophie) vorliegen, fehlt der Wirbelsäule oft der muskuläre Halt, und sie verformt sich.
Eine Wirbelsäulendeformität muss nicht zwingend schmerzhaft sein. Besonders bei Kindern und Jugendlichen macht sie sich oft lange Zeit nur optisch bemerkbar. Zu den häufigsten Anzeichen gehören:
  • Optische Veränderungen: Unterschiedlich hochstehende Schultern, ein schiefes Becken, einseitig abstehende Schulterblätter oder ein Rippenbuckel beim Vorbeugen.
  • Schmerzen: Während jugendliche Skoliosen oft schmerzfrei sind, leiden Erwachsene häufiger unter Rückenschmerzen. Diese entstehen durch starke muskuläre Verspannungen oder den Verschleiß der Gelenke und Bandscheiben aufgrund der Fehlbelastung. <
  • Eingeschränkte Beweglichkeit: Der Rücken kann sich steif anfühlen.
  • Atem- oder Herzprobleme: Nur bei sehr schweren, unbehandelten Deformitäten der Brustwirbelsäule kann der Platz im Brustkorb so eng werden, dass die Lungenfunktion eingeschränkt ist.
  • Neurologische Symptome: Gelegentlich (besonders bei Verschleiß) können Nerven eingeklemmt werden, was zu Ausstrahlungen, Taubheitsgefühlen oder Schwäche in den Beinen führt.
Eine gründliche Diagnose ist das Fundament jeder guten Behandlung. Sie besteht meist aus zwei Säulen:

  1. Die körperliche Untersuchung: Ihr Arzt wird Ihren Gang, Ihre Haltung und Ihre Beweglichkeit begutachten. Ein wichtiger Test ist der Adams-Vorbeugetest: Sie beugen sich mit durchgestreckten Beinen nach vorne. Der Arzt kann nun erkennen, ob eine Seite des Rückens höher steht als die andere.
  2. Bildgebung: Die wichtigste Untersuchung ist das Röntgen der gesamten Wirbelsäule im Stehen. Anhand dieser Bilder kann der Arzt den sogenannten Cobb-Winkel messen. Dieser Winkel gibt in Grad an, wie stark die Wirbelsäule verkrümmt ist, und ist maßgeblich für die Wahl der Therapie. Bei Bedarf (z. B. vor Operationen oder bei Verdacht auf Nerveneinengungen) werden zusätzlich eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) durchgeführt.
Das Ziel der Behandlung ist es, das Fortschreiten der Krümmung zu stoppen, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. Die Therapie richtet sich nach dem Alter des Patienten, der Ursache und dem Schweregrad (Cobb-Winkel).

A. Konservative (Nicht-operative) Behandlung

Beobachtung: Bei sehr leichten Krümmungen, die keine Beschwerden verursachen, genügen oft regelmäßige Kontrollen beim Arzt, um sicherzustellen, dass sich der Befund nicht verschlechtert.
Physiotherapie: Spezielle krankengymnastische Übungen (z. B. die Dreidimensionale Skoliose-Therapie nach Katharina Schroth) helfen, die Rumpfmuskulatur gezielt zu stärken, die Haltung zu korrigieren und die Atmung zu verbessern.
Korsetttherapie: Wenn Kinder oder Jugendliche noch im Wachstum sind und die Krümmung ein bestimmtes Maß erreicht hat, kann ein individuell angepasstes Kunststoffkorsett verschrieben werden. Es wird oft viele Stunden am Tag getragen. Es heilt die Krümmung zwar nicht vollständig, kann aber meist sehr erfolgreich verhindern, dass sie sich während des Wachstumsschubs verschlimmert.
Skoliose_Korsett
Bild 1: Ein Beispiel für die Behandlung einer Skoliose im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule mit einem Korsett. Die Krümmung kann fast vollständig korrigiert werden.
  
Schmerztherapie: Bei erwachsenen Patienten mit Schmerzen können Medikamente, Injektionen oder Wärmebehandlungen begleitend eingesetzt werden.

B. Operative Behandlung

Eine Operation wird in der Regel nur dann erwogen, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen, die Krümmung sehr stark ist, stetig zunimmt oder massive Schmerzen und neurologische Ausfälle bestehen.
Bei Erwachsenen und ausgewachsenen Jugendlichen ist der Standardeingriff die Spondylodese (Versteifung). Hierbei wird die Wirbelsäule durch Schrauben und Stäbe begradigt und in dieser korrigierten Position knöchern versteift. Moderne Operationstechniken, wie zum Beispiel der Einsatz der intraoperativen Navigation und ständige Überwachung der neuralen Strukturen (Neuromonitoring), machen diesen Eingriff heute sehr sicher und erzielen hervorragende Ergebnisse.
Skoliose_Spondylodese
Bild 2: Ein Beispiel für die operative Behandlung einer Skoliose mit einer Spondylodese (Versteifungsoperation). Die Krümmung wird mit dem Implantat korrigiert und die Wirbelsäule stabilisiert.

Für sehr kleine Kinder, die noch stark wachsen, gibt es sogenannte mitwachsende Systeme (z. B. magnetische Stäbe), die die Wirbelsäule korrigieren, das Längenwachstum aber nicht aufhalten.
Egal für welchen Therapieweg Sie sich gemeinsam mit Ihrem Arzt entscheiden – Ihre aktive Mitarbeit ist entscheidend.

Bleiben Sie in Bewegung! Sport ist in den allermeisten Fällen ausdrücklich erlaubt und erwünscht. Schwimmen, Radfahren oder Klettern stärken die Rückenmuskulatur. Besprechen Sie lediglich Leistungssportarten oder stark belastende Sportarten vorab mit Ihrem Arzt.
 
Ergonomie: Achten Sie auf einen rückengerechten Arbeitsplatz und eine gute Matratze.
Geduld und mentale Gesundheit: Besonders für Jugendliche in der Pubertät kann das Tragen eines Korsetts eine psychische Belastung sein. Offene Gespräche, Austausch mit anderen Betroffenen (Selbsthilfegruppen) und ein unterstützendes Umfeld sind hier genauso wichtig wie die medizinische Therapie.

Die Diagnose einer Wirbelsäulendeformität ist ein Einschnitt, aber sie bedeutet in den seltensten Fällen, dass Sie auf ein aktives, erfülltes Leben verzichten müssen. Durch rechtzeitige Diagnostik und eine maßgeschneiderte, konsequente Therapie lassen sich Krümmungen heute exzellent behandeln.
 
Für eine persönliche Beratung, die Planung Ihrer Behandlung oder auch das Einholen einer Zweitmeinung heißen wir Sie in unserer Klinik jederzeit herzlich willkommen!
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